STURM

Köln – 31.07.2020

ALEXANDER HÖLLER „STURM“ @ Galerie Martina Kaiser

 

Hochfiligrane Verästelungen und unauflösbare Flechtstrukturen, eingebettet in leuchtende Farbkontexte: Den Werken von Alexander Höller haftet etwas Mystisches an. Doch trotz ihrer vordergründigen Undurchdringlichkeit und ihrer materiellen wie motivischen Roughness strahlen sie eine fast kontemplative Ruhe und Erhabenheit aus.

Es sind der Wald und seine archaisch gewachsenen Vegetationsmuster aus Wurzeln, Stämmen, Zweigen und Ästen, die die Blaupause für die Bildwelten des 23-jährigen Müncheners liefern. Und versuchen bare Komplexität und originäre Naturgenialität sinnlich erfahrbar zu machen. Mit seinen neuronalen Netzpattern verweist Alexander Höller nicht nur auf Waldphysis und Naturintelligenz, sondern auch auf seine Gedankengänge und Empfindungen bei der Motivsuche und Bildgenese. Sein Werk steht somit parallel für die Sichtbarwerdung von metaphysischen Prozessen, von Emotionen, Affekten und mentalen wie spirituellen Erfahrungen, die essenzieller Teil seines Œuvres sind.

Damit steht der frischgebackene Absolvent der Kunstakademie München in der Tradition der Romantiker, wo Naturbeseeltheit und der Genius loci als vergeistigter Ort zu einer neuen Darstellung von Landschaftsansichten und Naturphänomenen führten. Was einen spannenden, fast widersprüchlichen Kontrast zum abstrakt Expressionistischen bildet, dem seine Gemälde stilistisch zuzuordnen sind. Der Ausstellungstitel ist zudem eine Hommage an die literarische Epoche des „Sturm und Drang“; Emotio statt Ratio dominiert die Künstlerentität, die Freiheit des Gefühls ist ausschlaggebend für Höllers abstrahierte Waldporträts. Die erinnern in ihrer Dynamik und Progressivität, denen mitunter ein innerer Furor anzuhaften scheint, an die Action Paintings von Jackson Pollock, so wie Alexander Höllers Zeichnungen Einflüsse von Franz Kline und Cy Twombly erahnen lassen. Mit dem Sujet des deutschen Waldes wandelt Alexander Höller zudem auf den Pfaden von Malergranden wie Kiefer, Lüpertz und Baselitz, die in ihren Werken sowohl dem Nimbus als auch der Verklärung dieses stereotypen Topos nachgespürt haben.

Wie ein Sturm fegt der Münchener durch die Kunsthistorie und über die Leinwand, zitiert, verwirft, schichtet auf und zerstört, um daraus eine Neuordnung zu generieren. „Das Ikonoklastische als Prinzip der gezielten Verwerfung ist Teil meines Konzepts. Und es führt dazu, dass meine Bilder über einen längeren Zeitraum entstehen, sich nach einem Eingriff erst erholen müssen, um dann weiter wachsen zu können. Ganz so, wie es Bäume nach einem Sturm tun.“, so Alexander Höller. So können Großformate schon mal mehrere Jahre der Schöpfung in Anspruch nehmen, bevor Höller sie freigibt.

Am Anfang seiner komplexen Gemälde stehen Fotos von Baumformationen, Astlandschaften und Wurzelgebilden, die Alexander Höller dann in Skizzen und Zeichnungen zu Arbeitsgrundlagen verdichtet. Beim Übertrag auf die Leinwand hat er bereits ein fertiges Bild im Kopf – und muss in seinen ganzen Schichtungen, die immer wieder klein- oder großflächig abgeschliffen werden, gleichsam retrograd malen, um das zuvor Visualisierte sukzessiv aus den unteren diffusen Ebenen entstehen zu lassen.

Bei seiner Objektkunst unter dem Titel „Neurons“ greift der 23-Jährige auf fluoreszierende Schnüre zurück, die er zu synapsenartigen Netzwerken bündelt und damit einmal mehr versucht, Verstehen und Verständnis, Kognition und Rezeption sowie Emotio und Ratio sichtbar zu machen.
(Autorin: Yorca Schmidt-Junker für Galerie Martina Kaiser)

Alexander Höller lebt und arbeitet in München. Er besuchte zunächst die Kunstakademie in Nürnberg und wechselte dann an die Akademie der Bildenden Künste München, wo er im Februar 2020 sein Diplom erhielt. Schon während des Studiums konnte er auf Ausstellungen, u.a. in Regensburg, Karlsruhe und Heilbronn zurückblicken; jüngst kamen Aufsehen erregende Schauen in München, Wien und Miami hinzu. Alexander Höllers Werke sind in privaten Sammlungen weltweit zu finden, darunter auch bei vielen Prominenten aus Wirtschaft, Kultur und Medien.